
Emsland. 10,0 Prozent der 20- bis 24-Jährigen in Deutschland sind weder in Ausbildung noch in Beschäftigung. Das meldet das Statistische Bundesamt auf Basis europäischer Vergleichsdaten – und weist damit auf ein Problem hin, das sich im Emsland und in der Grafschaft Bentheim genau andersherum darstellt: Hier suchen nicht die Jugendlichen vergeblich, hier suchen die Betriebe.
Im Agenturbezirk Nordhorn, der beide Landkreise umfasst, standen im Sommer 2025 rund 550 unversorgten Bewerbern etwa 2.450 offene Ausbildungsstellen gegenüber. Das ist ein Verhältnis von eins zu 4,7 – auf jeden Jugendlichen, der noch einen Platz sucht, kommen fast fünf freie Stellen.
Für den Landkreis Emsland allein nennt die Arbeitsagentur im August 2026 rund 1.660 unbesetzte Ausbildungsplätze. Beide Werte beschreiben denselben Befund aus unterschiedlichem Blickwinkel: Die 2.450 beziehen sich auf zwei Landkreise und auf den Sommer des Vorjahres, die 1.660 auf einen Landkreis und den aktuellen Stand.
43 Prozent der Betriebe bleiben auf Plätzen sitzen
Nach Angaben der IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim konnten 43 Prozent der Betriebe in der Region nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ging zurück – ein Rückgang, den die Kammer vor allem auf die Demografie zurückführt: Die Zahl der Schulabgänger liegt rund 10 Prozent unter dem Wert von vor zehn Jahren.
Zu den beliebtesten Ausbildungsberufen zählten zuletzt Industriekaufleute, Verkäuferinnen und Verkäufer, Fachinformatiker für Systemintegration und Industriemechaniker.
Der Punkt, an dem es kippen kann
Eine Zahl aus der IHK-Erhebung verdient dabei besondere Aufmerksamkeit: 19 Prozent der Jugendlichen wollen nach der Schule „erst mal arbeiten“, ohne eine Ausbildung zu beginnen. In einer Region mit vielen offenen Stellen ist das leicht möglich – ungelernte Arbeit findet sich, und das Geld kommt sofort.
Genau hier liegt die Verbindung zur Bundesstatistik. Wer mit 18 ungelernt einsteigt, taucht in keiner Arbeitslosenstatistik auf – aber mit 30 fehlt der Abschluss, und der Wiedereinstieg in eine Ausbildung wird schwer. Die IHK nennt neben dem Wunsch nach schnellem Verdienst auch Orientierungsprobleme: Selbst Jugendliche mit guten Schulnoten tun sich bei der Berufswahl schwer.
Warum sich die Zahlen nicht direkt vergleichen lassen
Die 10 Prozent des Statistischen Bundesamtes und die 550 unversorgten Bewerber messen nicht dasselbe. Die Bundesquote erfasst alle jungen Menschen, die weder in Ausbildung noch in Beschäftigung sind – auch solche, die sich nie bei der Agentur für Arbeit gemeldet haben. Die 550 sind dagegen nur die registrierten Ausbildungssuchenden. Eine regionale Quote lässt sich daraus nicht errechnen.
Was sich sagen lässt: Am Angebot an Ausbildungsplätzen scheitert im Emsland niemand.
Betreuungspflichten als unterschätzter Faktor
Das Statistische Bundesamt nennt einen Grund für den Nichterwerbsstatus junger Menschen ausdrücklich: Betreuungspflichten. Es geht dabei häufig um junge Eltern, überwiegend um Mütter, die Ausbildung und Kinderbetreuung nicht zusammenbringen. Das ist kein Motivationsproblem, sondern ein strukturelles – und eines, das sich mit Teilzeitausbildung und verlässlicher Betreuung lösen ließe.
Im europäischen Vergleich steht Deutschland mit 10,0 Prozent unter dem EU-Schnitt von 12,9 Prozent. Am seltensten betroffen sind junge Menschen in den Niederlanden mit 5,6 Prozent, am häufigsten in Rumänien mit 22,8 Prozent. Auffällig für eine Grenzregion: Der Nachbar auf der anderen Seite der Grenze schneidet fast doppelt so gut ab wie Deutschland.
Quellen: Statistisches Bundesamt (Pressemitteilung Nr. N058 vom 17. August 2026, Datenbasis Eurostat), IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim, Agentur für Arbeit Nordhorn.