Epilepsie – was genau ist das überhaupt?

Epilepsie – was genau ist das überhaupt?

Der Schock am Frühstückstisch

Wir haben Sonja W. und Ihre 8 jährige Tochter kennen gelernt. Sie ist vor neun Jahren der Liebe wegen nach Lingen gezogen und fühlt sich mit Ihrem Mann und den mittlerweile drei kleinen Kinder hier wohl. Im Gespräch mit Ihr erzählte uns die junge Mutter von einen Tag, den Sie nicht so schnell wieder vergessen wird.

“Es war im Mai 2016. Ich weiß es noch ganz genau. Als wäre es erst grade gestern passiert. Nur der Gedanke daran lässt mich zusammen zucken.”

Sonja wollte Ihre Tochter zur Schule bringen und ihr zugerufen, das sie sich ihren Fahrradhelm schnappen solle, damit sie los fahren können. Nachdem keine Reaktion von ihr kam, sprach Sie Ihre Tochter erneut an. Sie reagierte wieder nicht und stattdessen starrte die Kleine ins Leere, sabberte wie nichts Gutes und krampfte.

“Meine Tochter war einfach nicht ansprechbar. Ich rief meinen Mann auf der Arbeit an und direkt noch den Notruf. Meine Tochter hab ich aufs Sofa gelegt.”

Der kleine 3 jährige Bruder hat sie fest gehalten und der mittlere 6 jährige ist zur Tür und hat dem Notarzt den Weg gezeigt. Vom Anruf bis zum Eintreffen des Notarztes und des Krankenwagens, vergingen keine fünf Minuten.

Verdacht auf Schlaganfall

Schnell ging für die Tochter, die von Ihrem Papa begleitet wurde, mit Verdacht auf einen Schlaganfall ins Bonifatius Hospital, um weitere Untersuchungen zu veranlassen.

“Ihre Werte und sie selbst waren soweit wieder normal. Die Ärtzte dachte in der Notaufnahme dass ich übertrieben hatte. Dr. Ebbeckeie (Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und leitender der Arzt der Kinderambulanz) hat sich meine Tochter angeschaut hat und direkt zur Kontrolle ein Elektroenzephalografie (EEG) veranlasst.”

Beim EEG gab es tatsächlich Auffälligkeiten und die Tochter bekam sofort ein Medikament gegen die Anfälle.

“Das Medikament machte sie müde. Zum späten Nachmittag wurde dann noch mal ein Kontroll- EEG gemacht, das allerdings keine Besserung zeigte”

Weitere Untersuchungen wurden veranlasst, unter anderem ein 24h EEG und ein Magnetresonanztomographie (MRT). Am nächsten Tag wurden weitere Untersuchungen durchgeführt.

“Nach den Auswertungen der Untersuchungen zeigte sich an den darauf folgenden Tag, das ihr Gehirn nicht wie meistens üblich am hinteren Bereich, sondern über das ganzes Gehirn verteilt Krampfanfälle hat. Besonders nachts kommen die Anfälle sehr stark und oft vor.”

Diese Form der Epilepsie ist selten. Die Tochter musste ein paar Tage zur Medikamenteneinstellung und Beobachtung im Krankhaus bleiben.

“Die Medikamente muss sie jetzt regelmäßig nehmen muss und wir müssen in gleichmäßigen Abständen zur Untersuchung zum Kinderarzt ins Krankhaus, aber die starken Anfälle bleiben seitdem zum Glück aus.”

Epilepsie – was genau ist das überhaupt?

Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen des Nervensystems. Der Begriff Epilepsie beschreibt Erkrankungen des Gehirns, die sich in Form von epileptischen Anfällen äußern. Ein einzelner epileptischer Anfall ist jedoch noch keine Epilepsie. Die Begriffe „epileptischer Anfall“ und „Epilepsie“ sind daher klar voneinander abzugrenzen.

  • Ein epileptischer Anfall ist ein plötzliches, in der Regel unprovoziert auftretendes Ereignis, das nach einigen Sekunden oder Minuten beendet ist. Tritt der Anfall nur einmalig auf wird er als „Gelegenheitsanfall“ bezeichnet. Etwa 5-10% aller Menschen erfahren einmal in ihrem Leben einen solchen Gelegenheitsanfall.
  • Eine Epilepsie liegt hingegen erst dann vor, wenn mindestens zwei epileptische Anfälle unprovoziert, d.h. ohne erkennbaren Auslöser,  aufgetreten sind. Eine Ausnahme bilden nur die seltenen Epilepsieformen, bei denen Anfälle durch bestimmte optische Reize ausgelöst werden können.

Epileptischer Anfall

Komplexe Prozesse im Körper führen zu einem epileptischen Anfall. Elektrische und chemische Signale, die genau aufeinander abgestimmt sind, bestimmen im Normalfall die Tätigkeit der Nervenzellen des menschlichen Gehirns. Durch eine Störung entladen sich bei einem epileptischen Anfall viele Nervenzellen gleichzeitig und reizen entweder einzelne Hirnregionen oder beide Gehirnhälften. Dieser ungewohnte Impuls führt zum epileptischen Anfall. Seine Erscheinungsform und Ausprägung hängt von der jeweils betroffenen Gehirnregion ab.

Gelegenheitsanfälle sind epileptische Anfälle, die nur bei bestimmten Gelegenheiten auftreten und daher nicht mit einer Epilepsie gleichzusetzen sind. Ursachen hierfür können

  • eine Gehirnschädigung durch eine Verletzung oder Entzündung,
  • ein massiver Blutzuckerabfall,
  • Alkoholentzug, Vergiftungen oder
  • Sauerstoffmangel sein.

Bei kleinen Kindern kann zudem rasch ansteigendes Fieber zu einem epileptischen Fieberanfall (Fieberkrampf) führen. Da in diesen Fällen ein bestimmter Auslöser für den Anfall erkennbar ist, spricht man auch von einem provozierten oder akuten symptomatischen Anfall. Daneben gibt es Gelegenheitsanfälle, bei denen kein direkter Auslöser identifiziert werden kann. Man spricht dabei von unprovozierten Gelegenheitsanfällen. Das Vorkommen von Epilepsie in der Familie oder lange zurückliegende Hirnschädigungen sind mögliche Gründe für das Auftreten dieser Form von Gelegenheitsanfällen.

Epilepsie

Einer Epilepsie liegt hingegen eine langfristige Veränderung des Gehirns zugrunde. Sie zeigt sich durch wiederholt auftretende epileptische Anfälle, die nur mit geeigneten therapeutischen Maßnahmen wirksam behandelt werden können. Ursache ist eine Hirnschädigung, die angeboren, das heißt erblich bedingt oder erworben sein kann. Die verschiedenen Epilepsieformen (Epilepsiesyndrome) werden nach der Art der auftretenden Anfälle und ihrer Ursache eingeteilt in:

  • Fokale (partielle) Epilepsie
  • Generalisierte Epilepsie
  • Gemischt, fokale und generalisierte Epilepsie
  • Spezielle Syndromebzw.
  • Idiopathische Epilepsie
  • Symptomatische Epilepsie
  • Kryptogene Epilepsie

Die Einteilung der Epilepsien erfolgt zunächst nach der Anfallsart. Entstehen die Anfälle nur in einem örtlich begrenzten Bereich des Gehirns spricht man von fokaler Epilepsie, sind hingegen von Beginn an beide Gehirnhälften betroffen von generalisierter Epilepsie. Es gibt allerdings auch Mischformen und spezielle Syndrome, zu denen beispielsweise die Gelegenheitsanfälle gehören.

Innerhalb der Anfallsarten wird dann weiter nach der Ursache unterteilt. Bei der ererbten Form, der idiopathischen/genetischen Epilepsie, wird genau genommen keine Epilepsie vererbt, sondern die Neigung zu epileptischen Anfällen. Die erworbene Form der Epilepsie, die symptomatische/strukturell-metabolische Epilepsie, ist weitaus häufiger. Das Gehirn wird in diesen Fällen häufig bereits vor oder während der Geburt oder in den ersten Lebensjahren geschädigt, aber auch im späteren Lebensalter treten Epilepsien als Folge von Gehirnentzündungen, Kopfverletzungen, Tumoren oder Schlaganfällen auf.

Bei Vorliegen einer ungeklärte/kryptogenen Epilepsie konnten die Ursachen für die Erkrankung mit den bisher angewendeten Untersuchungsmethoden noch nicht geklärt werden. In diesen Fällen ist häufig von einer symptomatischen Epilepsie auszugehen.

Diese beiden Einteilungskriterien werden zusammengefasst, um Epilepsien zu klassifizieren. Häufige Epilepsieformen (Syndrome) sind z.B. die „idiopathisch generalisierte Epilepsie“ oder die „symptomatisch fokale Epilepsie“.

Epilepsien im Kinder- und Jugendalter

Wie häufig treten Epilepsien auf? Es gibt viel mehr Betroffene, als man annehmen würde, denn wie bereits erwähnt ist die Epilepsie  die häufigste chronische neurologische Erkrankung und betrifft zwischen 0,5 und 1 Prozent aller Menschen. Mehr Informationen über das Auftreten einer Epilepsie erhalten Interessierte Personen am 30.08.2017 im Bonifatius Hospital Lingen von 19:00 – 21:00 Uhr beim Vortrag: “Epilepsien im Kinder- und Jugendalter”. Hier wird Dr. Henry Bosse (Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin) über Formen, die Behandlungsmöglichkeiten und das Leben mit Epilepsien im Kindes- und Jugendalter informieren.

Von Anfällen und Ameisen

In dem folgenen Video wurde nach einer Idee von Matthias Bacher in Zusammenarbeit mit dem Epilepsiezentrum Kork die Vörgänge während eines Anfalls für kindgerecht dargestellt.

Ich durfte alles und habe oft teuer bezahlt

In Ihrem Taschenbuch (Belletristik/ Biografische Romane), das am 12. November 2016 erschien, schreibt die Autorin Susanne Albers über Ihre Leben mit Epilepsie. Die ergreifende Lebensgeschichte der jungen Frau erzeugt Gänsehaut erzeugend und es bedarf sehr viel Mut, sich so zu offenbaren.