Podcast aus Lingen: Shimon Stein über das, was vor dem Frieden kommen muss

1967 kämpfte er als 19-jähriger Fallschirmjäger im Sechstagekrieg, von 2001 bis 2007 vertrat er Israel als Botschafter in Berlin: Shimon Stein ist zu Gast im Lingener Podcast „Friedensreiter“ – und macht wenig Hoffnung auf einen schnellen Frieden im Nahen Osten.
Erst Vertrauen, dann Verträge
Große Entwürfe hält Stein derzeit für aussichtslos. Das Vertrauen zwischen beiden Seiten sei auf einem Tiefpunkt, deshalb spreche er lieber von Zwischenzielen. Für Israel sei der Konflikt mit den Palästinensern eine existenzielle Frage – und der vermeintliche Status quo trüge: Siedlungsbau und mögliche Annexionen schafften Tatsachen und verkleinerten den Spielraum für eine spätere politische Lösung. Die Frage, der Israel nach seiner Auffassung zu lange ausgewichen ist, formuliert er so: „Was wollen wir? Wohin gehen wir?“
Wenn beide Seiten sich als Opfer sehen
Stein beschreibt zwei Gesellschaften, die von historischen Opfererfahrungen geprägt sind: die jahrhundertelange Verfolgung von Jüdinnen und Juden, die in der Schoah gipfelte, und Flucht, Vertreibung und das unerfüllte Streben nach Selbstbestimmung auf palästinensischer Seite. Das Recht auf Selbstbestimmung müsse für beide gelten, sagt er. Nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 sei die israelische Gesellschaft traumatisiert und kaum bereit, über einen Ausgleich nachzudenken. Das Ausmaß der Zerstörung in Gaza habe ein großer Teil der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen: „Wir sind blind.“
Ein Beispiel gegen den Fatalismus
Aufgeben will Stein deshalb trotzdem nicht. Nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 habe niemand erwartet, dass Ägyptens Präsident Anwar al-Sadat vier Jahre später nach Jerusalem reisen würde – es folgten die Friedensverträge mit Ägypten und mit Jordanien. Auch Europa nimmt er in die Pflicht: Der Nahe Osten dürfe nicht erst dann Thema sein, „wenn es brennt“.
Wer hinter „Friedensreiter“ steckt
Der Podcast ist ein gemeinsames Projekt des Ludwig-Windthorst-Hauses in Lingen und des Instituts für Theologie und Frieden in Hamburg. Der Name spielt auf die Boten an, die während der Verhandlungen zum Ende des Dreißigjährigen Krieges zwischen Münster und Osnabrück pendelten. Moderiert wird er von LWH-Direktor Marcel Speker-Underbrink und Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld, der Steins Ansatz im Gespräch „Frieden auf Vorrat“ nennt.
Seit dem Start im Oktober 2024 zählt das Format nach eigenen Angaben mehr als 250.000 Aufrufe; frühere Gäste waren unter anderem Carlo Masala, Michael Wolffsohn, Christian Wulff und Erzbischof Georg Gänswein. Die Folge mit Shimon Stein ist ab Donnerstag, 27. August 2026, auf YouTube und den gängigen Podcast-Plattformen abrufbar, verlinkt unter linktr.ee/friedensreiter.
Quelle: Ludwig-Windthorst-Haus, Lingen (Ems)


